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Kapitel 3 - Bregenz nach Nizza

Tag 8

Bregenz-Chur

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2016. Sommer in Österreich und es steht mal wieder eine Radtour am Programm. Nachdem wir im Vorjahr das ganze Land einmal quasi von Ost nach West durchquert hatten wollten wir jetzt noch weiter hinaus. Die Planung war dementsprechend aufwendig, das erste Mal mussten wir ein Flugzeug nehmen und darin uns und die Fahrräder transportieren! „Geht das denn überhaupt?“ war die erste Reaktion. Klar geht das! Kostet aber dementsprechend und kann mitunter kompliziert werden.

Die Planung verlangte uns also einiges an Zeit ab, mein Glück war allerdings, dass ich davon in diesem Frühjahr einiges zur Verfügung hatte. Denn im April 2016 zog ich das durch, was Lasse schon ein Jahr zuvor gemacht hatte, ich verabschiedete mich schließlich nach 6 Jahren aus diesem, einem alles abverlangenden Job in der Logistikbranche. Im Herbst wollte ich ein Vollzeitstudium beginnen und so kam es dass ich über 4 Monate rein gar nichts zu tun hatte, zum allerersten Mal, also zumindest seit ich nicht mehr ein kleiner Scheißer war. So blieb natürlich viel Zeit für die Planung und fürs Training, auch wenn ich zweiteres mal wieder ganz weit hinten anstellte.

Früh war klar dass wir von Bregenz aus Richtung Süden wollten, da war doch so ein Land auf dass wir beide ungemein Bock hatten – Italien: Strände, Pizza und natürlich ganz viele Berge! Was wir noch nicht wussten zu dem Zeitpunkt: Straßen die eher für Mountainbikes gemacht waren als für Rennräder, Frühstücksbuffets für angehende Diabetiker (Kuchen und Torten ohne Ende aber nichts ordentliches) und natürlich viel zu viele Berge! Und natürlich war da noch ein winziges, eher unbedeutendes Land zwischen uns und Italien, außerdem mussten wir auch durch Liechtenstein.

Eine weitere Frage die sich uns im Rahmen der Planung stellte war die des Ziels. Das muss halt wo sein, von wo wir halbwegs eine Flugverbindung zurück haben und natürlich wo wir im nächsten Jahr wieder starten konnten. Relativ bald war klar, dass die Stadt Nizza an der Coute d’Azur das Ziel unserer Wahl werden würde. Ich war zuvor bereit zweimal dort und die Vorstellung dort mit dem Rad einzufahren, gestartet vor der eigenen Haustüre, war unvorstellbar cool.

Lasse auf den ersten Kilometern der Tour

Soweit so gut, die Planung war abgeschlossen, Anreise jeweils per Zug, ich von Wien, Lasse von Hamburg aus. Hotels wollten wir  aber diesmal nur zum Teil vorbuchen um uns eine gewisse Flexibilität zu lassen – wird schon passen sagt man in Österreich.

So trafen wir uns an diesem Morgen, Anfang August am Bregenzer Hauptbahnhof, beide berädert und gerädert von der Nacht im „Schlafwaggon“. Schnell die Räder zusammenbauen und zum Frühstück zwei Leberkäsesemmeln dann geht es los. Bald merke ich meine zwei physischen Probleme in diesem Jahr. Einmal war ich ein paar Tage zuvor bei einem Zeltfest besoffen gestürzt und hatte mir das Handgelenk verstaucht und zum Zweiten hatte ich seit Wochen extreme Schmerzen im Lendelwirbelbereich. Damals dachte ich noch an Bandscheibenprobleme, ging aber natürlich nicht zum Arzt.

Die erste Tages-Etappe sollte uns gleich durch zwei neue Länder führen, was an sich schon ziemlich cool war und die Müdigkeit und Schmerzen zum Teil kompensierte. Nach kurzem Radeln erreichen wir bereits das erste der beiden Länder, das Fürstentum Liechtenstein. Eingeklemmt zwischen Österreich und der Schweiz hat dieser Zwergstaat gerade einmal 38.000 Einwohner und ungefähr genau so viele Briefkastenfirmen. Die Hauptstadt Vaduz erreichen wir recht flott, genauso flott lassenn wir sie auch gleich wieder hinter uns, da gibt es halt außer zahlreicher Banken nicht viel was für uns von Interesse gewesen wäre. Und so erreichen wir bald darauf unseren ersten kleinen Pass, der die Grenze mit der Schweiz markiert. Knapp 600 Höhenmeter, ein erster, kleiner Vorgeschmack was die nächsten Tage auf uns warten sollte.

Landesgrenze Fürstentum Liechtenstein-Schweiz

Oben erwartet uns aber kein Grenzkontrolleur, noch nicht einmal ein grantiger Zollbeamter nur ein Schild: „Willkommen in der Schweiz – sind Sie sicher dass sie genug Geld dabei haben? “ oder so ähnlich. Wir sind uns sicher, denn wir haben schließlich nur eine Nacht gebucht und wollen am nächsten Tag auf kürzestem Weg wieder raus, obwohl es sicher ein schönes Land ist, fehlen uns dafür aktuell die nötigen Dineros.

So peilen wir gegen Nachmittag unser bereits gebuchtes Hotel in Chur, der Hauptstadt des Kantons Graubünden, an. Eine Etappe zum Aufwärmen sozusagen, nichtsdestotrotz waren wir ziemlich erledigt am Abend, der fehlende Schlaf macht sich bemerkbar sobald wir von den Rädern absteigen. „Jetzt erstmal ordentlich einschneiden“ sage ich zu Lasse, der bereits weiß was ihm blüht, denn das Essen geht an diesem Abend auf sein Konto. Wie im Vorjahr hatten wir eine Lauf-Challenge gemacht, die uns physisch auf die Tour vorbereiten sollte. Lasse nahm es aber damit nicht so ernst und schaffte es schließlich nicht mehr die vereinbarten Kilometer rechtzeitig zu laufen, darum muss er halt einmal sein Portemonnaie aufmachen und am mit Sicherheit teuersten Ort unserer gesamten Tour bisher ein Abendessen mit Getränken springen lassen.

Leider sind die Portionen in dem von uns ausgewählten Restaurant ungefähr so groß wie Lasse’s Laufmotivation und so muss im Anschluss noch der lokale Mc Donald‘s mit ein paar Burgern und einem Mc Flurry aufwarten. Danach machen wir einen frühen Abgang ins Bett, Lasse war nochmal finanziell mit einem blauen Auge davon gekommen.

In der Früh räumen wir erstmal das Frühstücksbuffet ab, zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass es unser letztes Frühstück auf dieser Tour werden sollte, das diese Bezeichnung verdient und nicht direkt aus dem Film „Charly und die Schokoladenfabrik“ entstammt. Vor uns liegt allerdings ein langer Tag mit dem berühmten Splügenpass der mit 2.114 Metern den bisher höchsten Punkt unserer Tour markiert und zugleich die Grenze nach Italien bildete, dem vierten Land auf unserer Gesamttour.

Tag 9

Chur-Morbend

Mit gewaltigem Respekt aber auch riesiger Vorfreude fahren wir los, immer Richtung Süden ab jetzt bis wir das Meer erreichen, quasi bergab also! Bald erreichen wir den Beginn des Passes, wobei die Passhöhe noch sehr, sehr weit weg ist. Lange geht es moderat bergauf, hauptsächlich durch Wälder was die Hitze einigermaßen erträglich macht aber halt keine besondere Aussicht zu bieten hatte. Irgendwann zieht dann Lasse vorne weg und ich war alleine in meinen Gedanken, die manchmal auf solchen langen Anstiegen abstruse Formen annehmen, vor allem wenn der Sauerstoffgehalt im Gehirn immer niedriger wird. Außer uns sind nicht besonders viele andere Radfahrer unterwegs, einmal werde ich von zwei mit-siebzigern auf Mountainbikes überholt, zum Glück stellt sich gleich heraus dass es E-Bikes sind sonst hätte ich wahrscheinlich an dieser Stelle die Tour gleich direkt wieder abgebrochen.

Idylle Norditaliens

Ein Vorteil an hohen Bergpässen ist, dass mit steigender Höhe die Temperatur kontinuierlich sinkt, also zumindest an heißen Tagen ist das halt ein Vorteil. Irgendwann begann der Wald sich zu lichten und wir erreichen die Baumgrenze, also die Grenze wo es selbst den Bäumen zu hart wird. Ab da ist der Anstieg dann jedoch nur noch spektakulär. Leider auch spektakulär anstrengend. Langsam komme ich an meine Grenzen aber die Kilometermarkierungen an der Seit werden zum Glück immer niedriger..7km, 6km, 5km fast oben! Mit dem Ziel vor Augen kämpfen wir uns weiter hinauf, immer weiter Richtung Passhöhe. Viele der vorbeifahrenden Autos und Wohnmobile feuern uns aus den Fahrzeugen heraus an, was einen zwar neidisch macht, allerdings auch hilft den letzten Rest an Kraft zu mobilisieren.  Die letzten Meter auf so einem Pass sind dann sowieso immer die schönsten, wenn man das Passschild schon sehen kann und weiß man hat es quasi vollbracht. Einige Touristen stehen sogar oben und applaudierten uns was man dann so auch nicht jeden Tag erlebt (außer vielleicht als Rad-Profi).

Passstraße auf den Splügenpass

Euphorisierte nach diesem Kraftakt wart jetzt natürlich die Abfahrt auf uns. Oben ist es arschkalt, da eine enorme Wolke über dem Gipfel des Berges hängt und noch dazu waren wir nassgeschwitzt, was die ersten Kilometer einer jeden Abfahrt immer in eine Eisschlacht verwandelt. Jeder der schon mal einen Bergpass gefahren ist weiß wovon ich spreche. So ziehen wir uns um, trockenes T-shirt und die Regenjacke, Handschuhe nicht vergessen! Von großem Vorteil ist es auch immer eine Sonnenbrille oder der gleichen dabei zu haben, eine Fliege ins Aug bei 60 kmH kann sonst unangenehm werden, nicht nur für die Fliege.

Passhöhe Splügenpass 2114 Meter

 „Friss meinen Staub“ schrei ich zu Lasse und gebe Gas, was mir komischerweise bergab immer sehr viel leichter fällt. Der Bremshebel wirkt dann als umgekehrtes Gaspedal denke ich mir dann oft und hoffe nur das mein Mechaniker einmal nüchtern war als das letzte Service gemacht hat.

Bei der Tafel „ITALIA“ machen wir natürlich einen Stopp und ganz viele Fotos. Ab jetzt wird sich zeigen wieviel Italienisch von den 5 Schuljahren hängen geblieben ist. „Una grande pizza é una birra grande!“ fällt mir ein, der Rest kommt dann schon noch.

Landesgrenze Schweiz-Italien

Bis zum Comer-See geht es jetzt fast ausschließlich bergab. Und man erkennt bereits wie sich die Landschaft verändert hat, alles sieht irgendwie südländischer aus. Die Vegetation, die Häuser, die Menschen aber leider auch die Straßen. Schlaglöcher so groß dass der mysteriöse Goldschatz der Nazis darin versteckt sein könnte und enorme Risse im Asphalt machen unseren dünnen Rennradreifen zu schaffen, vor allem bei der Abfahrt. Irgendwann erreichen wir den See und ich springe natürlich direkt hinein, trotz einsetzendem Regen, nass wird man ja sowieso.

Auf den letzten Kilometern nach Morbend überlegen wir wo wir schlafen sollen, denn gebucht haben wir nichts. Ich mach das schon, mit meinen Italienisch-Kenntnissen, no problemo! Kurz hinter der Ortstafel seh ich ein Schild: „Camera“ und halte an. „Was willst du jetzt eine Kamera kaufen oder wie?“ fragt Lasse. „Nein du Idiot, das heißt Zimmer auf Italienisch!“. So läute ich an und nach kurzer Zeit kommt eine alte Frau heraus. Englisch? No grazie..Na gut dann muss ich jetzt glänzen und frage auf Italienisch nach einem Zimmer für zwei. Soweit kein Problem, Preis ist ok. Leider gibt es kein WIFI (was damals noch ein Problem darstellte, da Roaming noch nicht kostenlos war innerhalb der EU) oder die Frau weiß womöglich gar nicht was wir wollen, jedenfalls fahren wir in die Stadt hinein und finden ein großes Hotel im Zentrum. Dort legen wir ordentlich ab für ein Zimmer, aber dafür gibt es in der Früh all you can eat Kuchenbuffet, der Traum eines jeden Mitteleuropäers.

Frühstücksbuffet Italien-Style

Das Abendessen besteht dann aus Burgern, die komischerweise ohne den Burgerbrötchen serviert werden, echte Low-Carb Alternativen sozusagen. Das Birra Moretti wird aber gottseidank ordnungsgemäß gebracht und so werden zur Feier des Tages gleich mehrere davon „verhaftet“. Die Stimmung ist ausgelassen gut, bis zu dem Zeitpunkt als Lasse mir die Route für den nächsten Tag auf Komoot zeigt. „Morgen früh wartet San Marco“, sagt er. „Was welcher Marco, ein Kollege von dir oder wie?“. „Nein San Marco, der Berg, du Vogel!“ „Ja wie ist der arg oder was? Wie hoch ist der denn?“. „Knapp unter 2.000 Meter“. Ist ja weniger als heute, den schaffen wir quasi im Vorbeifahren denke ich.

Tag 10

Morbend-Bergamo

Passstraße auf den San Marco

Das Süßwarenbuffet am nächsten Morgen ist dann sogleich die erste, weniger erfreuliche Überraschung, aber egal, Hauptsache Kalorien. Danach geht es direkt hinein in den Anstieg. Was zunächst noch relativ moderat mit 7-8 Prozent Steigung beginnt wird bald unerträglich steil. Die Beine schwer von den beiden Tagen zuvor, muss ich trotzdem immer wieder auch im niedrigsten Gang aufstehen, damit ich überhaupt vorankomme. Nach einer guten Stunde weiß ich, das wird heute nix. Irgendwann fährt Lasse dann vorne weg und ich bin alleine. Mehrmals muss ich absteigen und schieben, mehrmals überlege ich umzudrehen. Aber jedes Mal steig ich wieder aufs Rad und fahre weiter. Es ist ein innerer Krieg den es zu gewinnen gilt, komme was wolle. Stundenlang geht es so dahin, mittlerweile hab ich auch jegliches Zeitgefühl verloren. Es fahren kaum Fahrzeuge auf dieser Strecke, wenige Autos und Motorräder und ganz selten einheimische Rennradfahrer, die an mir kommentarlos vorbeiziehen wie die wenigen Wolken am Himmel. Irgendwann am frühen Nachmittag seh ich ein Schild welches die Passhöhe in 5 Kilometern anzeigt. Serpentine für Serpentine kämpfe ich nach oben und schaffe es schließlich mit allerletzter Kraft auf die Passhöhe.

 

Passhöhe San Marco 1992 Meter

 Oben gibt es nur ein kurzes Treffen mit Lasse, da er schon länger wartet und es sau kalt ist, vereinbaren wir uns unten in wärmeren Höhen zu treffen. Es gibt kein Restaurant oder irgendwas zum Reinsetzen allerdings gibt es einen Foodtruck der Kaffee und Kuchen verkauft. „Shut up and take my money“ denke ich und kaufe mehrere Runden davon. Irgendwann kann ich mich selbst überreden weiterzufahren. Eine weitere eiskalte Abfahrt wartet, aber das Gefühl San Marco bezwungen zu haben ist gewaltig. Was soll mich jetzt noch stoppen auf dem Weg nach Nizza denke ich, und bin froh das Lasse nicht da ist, denn er würde mir jetzt in gewohnt norddeutscher Art einige heftige Bergpässe aufzählen, die wir ja noch vor uns haben.

Unser Teil-Etappen-Ziel ist Bergamo, wo wir einen Pausetag einlegen wollen. Nach der österreichisch-deutschen Wiedervereinigung am Fuße des San Marco fahren wir relativ entspannt und flach dahin, die italienischen Alpen liegen jetzt erstmal hinter uns. Vorbei an San Pelligrino, bekannt für sein Mineralwasser geht es hinein in die schöne Stadt Bergamo. Dort haben wir uns bereits für 2 Nächte im Vorfeld im Ibis-Budget eingebucht. Heute geben wir erstmal an der Bar gas, aber nicht mit San Pelligrino, den morgen können wir ausschlafen, entscheiden wir. Leider ist die Stadt was das angeht eher tote Hose und wir übertreiben es einmal nicht zu sehr mit dem Alkohol.

Italienisches Bergdorf

Tag 11

Pausetag in Bergamo

Am nächsten Tag schauen wir uns die Altstadt von Bergamo an, die wie der Name schon sagt auf einem Berg liegt. Sollte man einmal gesehen haben. Am Abend beim All You Can Eat Sushi planen wir das zweite Drittel unserer Tour. Nach Genua müssen wir, soviel ist klar! Dort haben wir den nächsten Pausetag geplant. Zwei Tage haben wir dafür Zeit und die Großstadt Mailand wollen wir unbedingt meiden. Soweit die Eckdaten. Schließlich entscheiden wir uns für einen kurzen Tag, 80 km flach bis Piacenza als quasi zweiten Pausetag und einem langen Tag von dort nach Genua, auf den Spuren von Christopher Kolumbus oder so ähnlich keine Ahnung.

Besichtigung der Altstadt von Bergamo

Tag 12

Bergamo-Piacenza

Der mit Sicherheit unspektakulärste Tag auf dieser Tour führt uns durch Industriegebiet und entlang Bundesstraßen über 80 Kilometer nach Piacenza. Wie es oft so ist, wenn man gedanklich auf einen kurzen Tag eingestellt ist, fühlt sich dieser oft doch relativ lange an, vor allem wenn die Landschaft eher wenig zu bieten hat. Nichtsdestotrotz erreichen wir am Nachmittag Piacenza und check in einem bescheidenen Hotel ein. Schließlich nehmen wir ein Taxi in die pittoreske Innenstadt und vernichten dort noch das ein oder andere Bier, Pizza darf auch auf keinen Fall fehlen.

 

Kilometer machen im Flachland rund um Mailand

Tag 13

Piacenza-Genua

Genua! Das Mittelmeer wartet auf uns! Was trennt uns noch? Läppische 160 km und ein paar Hügel! Früh fahren wir los, wie immer ist es ein Kampf für mich so früh aufzustehen aber was soll’s. Ein heißer Tag soll es werden, ordentlich Sonnencreme draufklatschen und Hirschtalg für den Arsch nicht vergessen. Gegen Mittag wird es langsam unerträglich heiß, alle 1-2 Stunden müssen wir unsere Flaschen auffüllen was teilweise gar nicht so einfach ist, da am frühen Nachmittag viele Märkte und Gaststätten Siesta halten. Auch das Mittagessen gestaltet sich dementsprechend oft schwierig in Italien. Aber irgendwas finden wir schließlich immer und wie es sich gehört ist es immer schwer in Ordnung. Der italienische Kaffee ist sowieso ein Highlight und bei jeder Gelegenheit gönne ich mir ein oder zwei. Am Nachmittag wird die Landschaft immer schöner aber dafür auch immer hügeliger. Es gibt kaum noch ein flaches Stück und die Anstiege sind bei weit über 35 Grad jedes Mal eine Herausforderung.

Umso näher Genua rückt, umso härter wird es, die Kräfte neigen sich dem Ende zu aber wir müssen weiter, bald wird es dunkel. Irgendwann haben wir den letzten Hügel bezwungen, unter uns liegt die Stadt. Ein sicherer Hafen für zwei gestrandete Radfahrer sozusagen. Wir finden unser Airbnb und nachdem der italienische Straßenstaub von den braunen Gesichtern gewaschen wurde fragen wir die Gastgeberin nach Restaurantempfehlungen. „Da gibt es ein chinesisches Restaurant, mit italienischer Küche“, schlägt sie vor. Marco Polo brachte schließlich die Nudeln aus China nach Italien denke ich also macht das wahrscheinlich eh Sinn. Letztlich ist es uns ohnehin egal, Hauptsache was zu Essen!

Bernhard kämpft sich durch die Hitze Italiens

Spaghetti, Pizza und ein Eis bestellen wir. Also für jeden von uns natürlich. Dazu paar Bier und die Welt ist in Ordnung. Morgen ist Pausetag, diese Worte sind Musik in den Ohren der geschundenen Radfahrerseelen.

Tag 14

Pausetag Genua

Die Stadt wird noch am selben Abend von uns kurz inspiziert und für in Ordnung befunden. Das kulturelle Angebot ist uns wie immer relativ egal und so muss für den nächsten Tag direkt ein passender Strand her. Auf Google-Maps wird dann sogleich einer gefunden, 45 Minuten mit dem Zug, das klingt ok, Hauptsache nicht Radfahren!

Leider scheitern wir am Bahnhof gleich fast am Ticketkauf, den Lasse will ein Ticket ab Geneva kaufen, was halt leider nicht Genua ist sondern Genf in der Schweiz. Das Missverständnis kann schließlich aber doch geklärt werden und wir sitzen irgendwann doch im richtigen Zug. Am Strand angekommen, führt dann kein Weg am Bierverkäufer unseres Vertrauens vorbei, dementsprechend wenig kann ich mich auch an diesen Pausetag erinnern, in jedem Fall war es aber ein legendärer Tag.

 

Pausetag am Strand bei Genua

Tag 15

Genua-San Lorenzo

So entspannt unser Pausetag in Genua verlief, so entspannt beginnt auch der 6. Radtag unserer Tour. Die ersten Stunden führen uns die Küste entlang, vorbei an vollen Stränden und relativ flach dahin. In der Mittagspause gibt es noch einmal ein Bad im Meer, so lässt es sich leben.

Ausblick auf die Küste Liguriens

Nur 30 Minuten später jedoch müssen wir von der Küste weg, ins Land hinein abbiegen. Da Lasse bei der Routenplanung unbedingt so viele Tour De France Pässe wie möglich dabei haben wollte, nehmen wir natürlich nicht den direkten Weg die Küsten entlang bis Nizza. In der ärgsten Mittagshitze fahren wir jetzt bei Savona einen Berg hinauf. Steil ohne Ende, Heiß ohne Ende. Kaum noch Wasser in den Flaschen und das Leben hassend erreichen wir ein kleines Gasthaus das offen hat. „Gerade einmal die Hälfte der Strecke geschafft“ flucht Lasse, „wir fahren fix in die Nacht hinein heute“. Leider sollte er damit einmal Recht haben. Bei Kilometer 87 erreichen wir den höchsten Punkt der Tages-Etappe bei 710 Metern. Auch die Hitze lässt etwas nach und es wird angenehmer zu fahren. Hinein geht es in die bezaubernde Landschaft des Piemonte, Richtung Frankreich.

Wie vom Propheten Lasse dem Ersten aus dem Hause Bremen prophezeit, geht die Sonne langsam unter. Da wir nur winzige Lichter an den Rädern haben, die eigentlich nur für kurze Tunnelfahrten gedacht sind müssen wir jetzt Gas geben. Im belgischen Kreisel für Arme fahren wir Richtung Hotel, die letzten Kilometer dann auch noch über verschissene Schotterwege.

Irgendwann erreichen wir aber doch noch die kleine Pension, die wir gebucht hatten und sind froh den Tag überlebt zu haben. Die Gaststätte entpuppt sich als romantisches Feriendomizil für Paare, was uns beim Frühstück am nächsten Morgen seltsame Blicke ernten wird. Die Inhaber sind aber super nett und bringen uns sogar noch mit dem Auto in ein Restaurant 10 km entfernt. Einzige Bedingung, nur frisch geduscht dürfen wir ins Auto! Im Restaurant vernichten wir wie gewohnt die meisten Vorräte des Besitzers und feiern unseren letzten Abend in Italien. Morgen geht es rüber über die Grenze, nach Frankreich. Das alleine auszusprechen klingt verrückt. Nach Frankreich, aus Wien mit den Fahrrädern.

Landesgrenze Italien-Spanien

Tag 16

San Lorenzo-Jausiers

Was erwartet uns heute? „Nur ein Berg“ sagt Lasse. Das dieser eine Berg quasi den gesamten Tag in Anspruch nehmen würde sagt er nicht dazu. Auf knapp über 2.000 Metern liegt also die Grenze nach Frankreich, der vorletzte Berg auf der diesjährigen Tour. Zum Glück geht es erstmal sehr lange mit geringer Steigung dahin. Auch am Berg selbst sind selten über 8 % Anstieg zu verzeichnen. Von den beiden Pässen an Tag 2 & 3 der Tour gestählt, sind die Beine kaum aufzuhalten, gerade dass ich bergauf nicht bremsen muss.

 So kurbeln wir hoch und nach einigen Stunden durch malerische Berglandschaft ist auch schon die Passhöhe erreicht. „France“ steht auf einem großen, blauen Schild. Geil! Und ab da nur noch bergab – noch geiler. Aber da war doch noch was denke ich, morgen kommt ja wohl auch noch so ein Hügel. „Col de la Bonette wartet schon auf uns“, schreit Lasse von hinten „der höchste Bergpass Europas“ und da wird mir kurz schwarz vor den Augen.

Unseren ersten Abend in Frankreich verbringen wir in einem kleinen Hotel, direkt am Fuß des Passes. 2.715 Meter ist der hoch, und wir sollen da mit den Rädern drüber. Das kann was werden denke ich. Aber schlimmer als San Marco kann es eigentlich auch nicht werden und danach wartet Nizza bereits auf uns.

 Tag 17

Jausiers-Nizza

„Wenn wir oben sind haben wir’s geschafft“, reden wir uns beim Frühstück ein. Die Vorräte auf den Rädern haben wir wie vor jeder großen Bergfahrt wieder ordentlich aufgefüllt, wahrscheinlich könnte man damit ein ganzes Dorf in Afrika für einen Tag ernähren denke ich.

Schön gleichmäßig treten, ein paar Stunden quälen dann haben wir was Großes vollbracht. Die Landschaft ist atemberaubend. Die Straße ist in einem top Zustand und jeden Kilometer gibt es einen Kilometerstein, der genau anzeigt wie viele Kilometer es noch bis zur Passhöhe sind und wieviel Prozent Steigung der nächste Kilometer haben wird. Das hilft enorm und die Kilometer fliegen nur so vorbei. Irgendwann machen wir eine Pause in einem kleinen Gasthaus, es gibt ein Eis und die Aussicht auf weitere zwei Stunden bergauf Strampeln. In meiner Playlist hab ich mir bereits einen Song für die letzten Meter vorbereitet. Und irgendwann kommt das Schild in Sichtweite. So lange haben wir darüber geredet diesen Pass zu bezwingen und da stehen wir jetzt ein Wahnsinn! Von da kann man dann noch 2 Extrakilometer fahren die auf über 2.800 Meter hinaufführen, die lassen wir uns nicht nehmen und ganz oben packen wir die zwei Dosen brunzwarme Heineken aus, die wir am Vorabend für diesen historischen Moment gekauft hatten. Nach einigen epischen Siegerfotos müssen wir aber langsam weiter.

Passhöhe Col de la Bonette

Noch rund 100 Kilometer bis Nizza, der größte Teil davon bergab. Mit der Erwartung jetzt bis Nizza zu rollen starten wir los, irgendwann merken wir aber dass der Großteil der Höhenmeter verbraucht ist und wir noch immer eine ganze Ecke bis Nizza fahren müssen. Wieder einmal führt die falsche Erwartungshaltung dazu, dass dieses letzte Stück sich gefühlt sehr lange hinzieht. Das letzte Stück ist dann auch noch auf einer stark befahrenen Bundesstraße. Lasse zeigt auf, dass wir auch über einen kleinen Berg fahren können und uns so die Bundesstraße sparen würden. Da lege ich aber dann mein Veto ein, heute keine Berge mehr! Irgendwann erreichen wir das Ortsschild, fahren fast daran vorbei. „Nice“ steht drauf, nice denken wir uns und machen ein paar Selfies.

Einfahrt in Nizza

Danach fahren wir die berühmte Promenade de Anglais entlang hinein in das Herz der Stadt. Nizza ist eine wirklich genial schöne Stadt, direkt an der türkisblauen Bucht gelegen und mit starkem italienischen Einfluss.

Nachdem wir im Hotel eingecheckt haben bleibt uns nur noch das Ende der Tour zu feiern. Eine wahrlich epische 10-tägige Tour liegt hinter uns, 5 Länder, gewaltige Berge und ein gewaltiger Berg an Bier und Pizza bleiben in Erinnerung. Das Gefühlt alles schaffen zu können bleibt, denn oft genug gab es auf dieser Tour Momente des Zweifels und der totalen Erschöpfung. Doch wir haben es schließlich durchgezogen.

 

Promenade des Anglais

Schon an diesem Abend beginnen wir die nächste Tour zu überlegen, ganz klar es muss weitergehen. „Die Pyrenäen!“, sagt Lasse. „Oh Gott noch mehr Berge“ sage ich.

Die letzte Herausforderung wartet auf uns schließlich Kartons und Verpackungsmaterial für die Räder zu finden und diese einzupacken für den Flug nach Hause. Schließlich stehlen wir ein paar alte Kartons in der Nähe unseres Hotels und basteln uns im Keller eine Verpackung. Wird schon passen sagen wir und erstaunlicherweise kommen die Räder genau wie wir relativ unversehrt zuhause an. Jetzt erstmal ein Jahr ausruhen, dann können wir weiterfahren.

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